Wiescherhöfen und Daberg

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Ortstafel Wiescherhöfen

Wiescherhöfen und Daberg ist ein südwestlich gelegener Stadtteil von Hamm und seit 1975 vollständig Teil des Stadtbezirks Pelkum.

Im Volksmund werden die kleineren Ortsteile Selmigerheide und Lohauserholz meist ebenso als Wiescherhöfen bezeichnet.

Geschichte

Der Stadtteil war ursprünglich rein landwirtschaftlich geprägt. Mit der Industrialisierung kam es zum Aufbau einer florierenden Bergbauindustrie und der heute noch erhaltenen, weitreichenden Eisenbahn-Infrastruktur. Im Zweiten Weltkrieg führte dieser Umstand zu zahlreichen Bombardements der Alliierten, deren Hinterlassenschaften in Form von Blindgängern noch heute gelegentlich bei Bauvorhaben zu Tage treten.

Mindestens seit Ende des Steinkohle-Bergbaus im Jahr 2010 ist der Stadtteil in einem Strukturwandel begriffen. Wichtigstes Projekt in diesem Zuge ist (Stand 2021) die Umwidmung des Geländes des ehemaligen Bergwerks Ost zum CreativRevier Heinrich-Robert.

Vormoderne

Zum ersten Mal wurde der Name Wiescherhöfen im Jahr 1486 urkundlich erwähnt. Im Schatzbuch der Grafschaft Mark wurde es noch „Wyesch“ geschrieben. Zu Wiescherhöfen gehörten nach dem Steuerbuch nur drei Höfe: Greinewysch, Tünnemann und Schult zur Wysch (Schulze zur Wiesch). Zu den drei Höfen kam in der Selmigerheide der Hof Schult van Zelmick (Schulze-Selmig).

18. Jahrhundert

Die vier Höfe schlossen sich mit weiteren Höfen zur Gemeinde Wiescherhöfen zusammen. Diese waren, laut Aufstellung des Amtes Pelkum von 1731, die Höfe Schulze-Selmig, Schulte zur Wysche, Bresser, Grönewysche, Schulte Kissing, Tünnemann, Schnübbe, Hoppe, Dörholt, Lenickenhoff, Brandt, Drees, Vogelweyer und Kleykamp. Die Gemeinde gehörte kirchlich zu Herringen und hatte keine eigene Dorfkirche.

Zu Wiescherhöfen gehörten zu dieser Zeit die Ortsteile Kissingerhöfen, Daberg, Geist, Lohauserholz, Selmigerheide und die Harringholzsiedlung.

Eine Privatschule wurde in der Selmigerheide schon im Jahre 1762 errichtet.

Insgesamt 17 Gemeinden wurden 1797 zum Amtsbezirk Pelkum zusammengefasst, weil die kleinen Gemeinden nicht alle Aufgaben aus eigener Kraft erledigen konnten. Die Hauptstelle des Amtes befand sich in Pelkum, der damals größten Gemeinde im Bezirk.

19. Jahrhundert

An der Großen Werlstraße erbaute der Müller Middendorf im Jahre 1816 eine Mühle komplett aus Holz. Durch die geringe Besiedlung war das Bauwerk weithin sichtbar und wurde zum Wahrzeichen von Wiescherhöfen. Die Mühle ist heute nicht mehr erhalten.

Der Brandschutz wurde 1827 per Vertrag geregelt. Dreißig Bauern und Kötter einigten sich auf eine Umlage, um den Transport der Druckspritze zum Brandort zu regeln und zu finanzieren. Das Spritzenhaus war an der heutigen Weetfelder Straße / Einmündung Baumhofstraße. Die Brandbekämpfung erfolgte durch freiwillige Helfer und Nachbarn.

Der Schützenverein Wiescherhöfen-Lohauserholz wurde im Jahre 1838 ins Leben gerufen.

Am 1. April 1884 wurde vom Amtsbezirk Pelkum die Amtsparkasse eröffnet, welche auch in der Selmigerheide und Lohauserholz Zweigstellen besaß.

Bevölkerung im 19. Jahrhundert

Jahr Einwohner
1831 454
1849 499[1]
1876 782[2]

20. Jahrhundert

Wiescherhöfen verlor Teile seines landwirtschaftlich geprägten Gesichts im Verlauf der Industrialisierung. Bereits im Jahre 1874 wurden bei Probebohrungen Kohlevorkommen entdeckt. Am 25. Oktober 1902 ging dann die Zeche de Wendel mit den beiden Schächten Heinrich und Robert in Betrieb. Hierdurch erklärt sich der spätere Name Zeche Heinrich-Robert. Zuvor hatte die Zeche insgesamt 17.512.00 m² in Berge, Hamm, Pelkum, Wiescherhöfen und Herringen erworben. Die Kokerei hatte 118 Öfen und erreichte eine Tagesproduktion von 2100 Tonnen Kohlenkoks.

Die Köln-Mindener Eisenbahn nahm am 2. Mai 1847 den Zugverkehr auf. Im Jahre 1865 wurde die Bergisch-Märkische Bahn in Betrieb genommen.

Auf dem Gemeindegebiet befand sich später der größte Verschiebebahnhof Europas. Von insgesamt 11 Bauern wurden ca. 75 Hektar Land erworben, um diesen Bahnhof zu errichten. Das Rittergut Lohaus (Namensgeber des Ortsteiles Lohauserholz) verschwand durch den Verschiebebahnhof vollständig. Einziger Haltepunkt in der Gemeinde war der Bahnhof Wiescherhöfen an dem Flurstück „Kuckkuck“ (heute Weetfelder Straße / Kreuzung Wiescherhöfener Straße). Inbetriebnahme war am 15. Dezember 1895. Es hielten täglich 47 Personenzüge mit Ziel Hamm oder Unna in Wiescherhöfen.

Als dritte Eisenbahnstrecke wurde die Osterfelder Bahn (vom Hauptbahnhof über Pelkum Bahnhof nach Oberhausen-Osterfelde) im Jahre 1905 in Betrieb genommen. Sie diente vor allem dem Abtransport der Erzeugnisse der Zeche de Wendel.

Die Einwohnerzahl stieg, bedingt durch die Eisenbahn und Zeche, weiter: Im Jahre 1900 beträgt sie 1298 Einwohner, 1914 sind es bereits 4515.

Im Ersten Weltkrieg kam es zu keinen größeren Schäden in der Gemeinde. Der Zweite Weltkrieg sorgte, bedingt durch die Bahnstrecken und Verschiebebahnhof, hingegen für erhebliche Schäden und Todesopfer. Der größte Angriff fand am 22. April 1944 statt und forderte allein 49 Todesopfer. In die Zeit der Diktatur der Nationalsozialisten fiel auch der Einsatz von Kriegsgefangenen als Zwangsarbeiter auf der Zeche Heinrich-Robert.

Durch den Steinkohlebergbau kam es im Stadtteil wiederholt zu Bergsenkungen. Die Straße Wasserfall zeugt, nicht nur ihrem Namen nach, noch heute eindrucksvoll von den Auswirkungen solcher Vorfälle.

Am 13. Februar 1965 wird der Grundstein für die neue Gerätehalle der freiwilligen Feuerwehr an der Selmigerheideschule gelegt.

Kommunale Neuordnung

Am 13. Dezember 1967 erließ der Landtag das Gesetz zur Neuordnung Unna/Hamm. Gegen den Willen von Rat und Bevölkerung wurde die Gemeinde geteilt. Die Ortsteile Daberg, Geist und Lohauserholz kamen zur Stadt Hamm. Die anderen Ortsteile gehörten fortan zur Großgemeinde Pelkum.

Das Amt Pelkum wurde mit Wirkung vom 1. Januar 1968 aufgelöst. Bei der 2. kommunalen Neuordnung 1975 wurde der Rest von Wiescherhöfen schließlich ebenfalls der Stadt Hamm zugeordnet.

21. Jahrhundert

Anfang des 21. Jahrhunderts wurde Wiescherhöfen, wie viele Gemeinden im Ruhrgebiet, vom Strukturwandel erfasst. 1998 wurde die Zeche Heinrich-Robert von der Ruhrkohle AG mit der Zeche Monopol (Kamen) zum neuen Bergwerk Ost vereinigt. Durch Rationalisierungen kam es hierbei zu bedeutenden Arbeitsplatzverlusten. Zum 30. September 2010 stellte die Zeche dann ihren Betrieb zur Gänze ein. Große Teile der Anlagen wurden bereits 2011 nach China veräußert und hierfür demontiert.[3]

Anfang der 2000er-Jahre verlor außerdem der Rangierbahnhof erhebliche Teile seiner Aufgaben an den neuen Rangierbahnhof in Hagen-Vorhalle, weshalb Anlagen in Hamm stillgelegt wurden und weitere Industriearbeitsplätze verloren gingen. Teile des Rangierbahnhofs dienen seither als Anlagen des Stillstandsmanagements der Deutschen Bahn AG, also nur noch zur Abstellung nicht benötigter Eisenbahnfahrzeuge.

Nachnutzung des Bergwerks Ost

Im Zuge der Diskussionen um eine Nachnutzung des Geländes des Bergwerks Ost fasste die Stadt Hamm 2018 den Plan zur Errichtung des Creativreviers Heinrich-Robert. Das Zechengelände soll diesen Plänen zufolge, nach Abschluss der Bodensanierung und Entlassung aus der Bergaufsicht, mit einem Mix aus Wohnbebauung, Einzelhandel und Gewerbeflächen überplant werden. So entstehen ca. 1000 Wohneinheiten in dem neuen Wohngebiet Kissinger Höhe und ein Einzelhandelszentrum mit Fachmärkten am Netto-Markt Kamener Straße.[4] Ferner sollen Kulturveranstaltungen stattfinden. 2016 war das CreativRevier bereits Spielort der Kulturveranstaltung ExtraSchicht.[5].

Das das Bild des Stadtteils prägende Hammerkopf-Gebäude des Bergwerks sowie weitere Gebäude bleiben hiervon unberührt und stehen inzwischen unter Denkmalschutz.[6]

Wirtschaft

Die an Weetfeld grenzenden Teile Wiescherhöfens sind bis heute landwirtschaftlich geprägt. Mit den Gewerbegebieten Schieferstraße (vor allem Handwerk), Carl-Zeiss-Straße (Metallverarbeitung und Handwerk) und dem Inlogparc (vor allem Logistik) verfügt der Stadtteil heute auch über eine nennenswerte Anzahl an Arbeitsplätzen im sekundären und tertiären Sektor.

Über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist auch der Verpackungshersteller Riba.

Verkehr

Nachdem kein Eisenbahn-Haltepunkt mehr existiert, bilden die Linien 3 und 5 der Stadtwerke Hamm gegenwärtig das Rückgrat des Verkehrs in die Innenstadt.

Skulptur „Friedwart von Wiescherhöfen“

Der Verkehr im Stadtteil wird dennoch bis heute durch die Eisenbahn stark beeinflusst. Durch zahlreiche Bahnübergänge bilden sich bisweilen Verkehrsstaus, vor allem vor der Schranke an der Eisenbahnstrecke Hamm-Dortmund beim Stellwerk Selmig (Wiescherhöfener Straße). Der Schranke bzw. den Wartezeiten setzten Anwohner 2017 mit der satirischen Skulptur „Friedwart von Wiescherhöfen“ ein Denkmal.

Perspektivisch ist geplant, die Bundesstraße 63 nach Wiescherhöfen zu verlängern und so insbesondere den Inlogparc besser zu erschließen. Im Zuge dieser Maßnahme sollen die höhengleichen Bahnübergänge Wiescherhöfener Straße, Friedhofsweg und Provinzialstraße beseitigt und ein neuer Eisenbahn-Haltepunkt Selmigerheide eingerichtet werden. Als Ersatz für die Straßenüberführungen sollen nach diesen Planungen eine Unterführung an der Provinzialstraße und eine Fußgänger- und Radfahrerbrücke am Friedhofsweg erstellt werden. Als Zeitrahmen des Projekts galt zunächst das Jahr 2025. Diese Frist ist jedoch nach Berichten des WA aus dem Jahr 2021 aufgrund der mangelnden Klarheit über die Errichtung der B63n nicht mehr zu halten.[7] Die Beseitigung der Bahnübergänge ist aufgrund des geplanten parallelen Verlaufs der B63n zur Bahntrasse unmittelbar an das Straßenprojekt gebunden.

Für eine Ausweitung des Eisenbahnverkehrs auf der Achse Hamm-Dortmund soll zudem im Rahmen der bundesweiten Einführung des sogenannten Deutschlandtakts mindestens ein drittes Gleis ab dem Abzweig Selmig bis Dortmund verlegt werden. Die Wünsche der Stadt Bergkamen und mancher Hammer Bürger, die Hamm-Osterfelde-Bahn für den Personenverkehr zu reaktivieren, sollen hingegen zugunsten dieser Planung nicht weiter verfolgt werden.[8]

Im Abschnitt Selmig ist außerdem geplant, zwecks einer Beschleunigung des Fernverkehrs von und nach Hamm die Höchstgeschwindigkeit für Personenzüge wieder von 160 km/h auf 200 km/h zu erhöhen. Die Strecke ist hierzu bereits ausgebaut und wurde in den 80er-Jahren auch mit diesem Tempo befahren. Inzwischen dürfte eisenbahnrechtlich erst nach Aufhebung der höhengleichen Bahnübergänge wieder so schnell gefahren werden.

Die Planfeststellung für alle oben genannten Verkehrs-Infrastrukturmaßnahmen steht (Stand 2021) noch aus.

In den 2010er-Jahren wurden weite Teile der Hamm-Osterfelde-Bahn mit Lärmschutzwänden ausgestattet; im Jahre 2021 auch weite Teile der Eisenbahnstrecke Hamm–Dortmund im Ortsteil Selmigerheide. [9]

Landmarken

Bedeutende Landmarken des Stadtteils sind die Bergbauhalden Kissinger Höhe und Halde Humbert, die erst ab den 90er-Jahren aufgeschüttet wurde, sowie die Halde Sundern. Das weithin sichtbare, T-förmige Hammerkopf-Gebäude des ehemaligen Bergwerks Ost bleibt ebenfalls langfristig erhalten.

Flüsse

Der Wiescherbach fließt von Rhynern kommend Richtung Herringen durch den Stadtteil. In der Nähe befindet sich der Hochzeitswald.

Vereinswesen

Anmerkungen

  1. Essellen 1851, S. 166 (Bauerschaft Wiescherhöfen).
  2. Adreß-Buch für den Regierungs-Bezirk Arnsberg 1877, Arnsberg 1876, S. 35 (Wiescherhöfen).
  3. Wa.de vom 01.08.2011
  4. Wa.de vom 12.05.2021
  5. Wa.de vom 26.06.2016
  6. Wa.de vom 27.11.2020
  7. Wa.de vom 04.04.2021
  8. Wa.de vom 06.08.2021
  9. Wa.de vom 09.02.2021