Nienbrügge

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Hauptwache der Feuerwehr, Hafenstraße 45: ungefähre Lage der Stadt Nienbrügge

Nienbrügge hießen die Burg und eine Stadt westlich der heutigen Hammer Innenstadt. Sie wurden von Graf Arnold von Altena-Isenberg um 1200 an der Lippe errichtet.

Lage

Die Burg befand sich am Nordufer der Lippe (etwa nördlich des heutigen Hafens). Die Stadt selbst befand sich südlich der Lippe und war mit der Burg über eine Brücke verbunden.

Geschichte

Im Jahre 1209 erbte Arnolds Sohn, Graf Friedrich von Altena-Isenberg, Nienbrügge. Um 1216 war Nienbrügge die Stammburg Friedrichs, ab 1217 die Burg Isenberg bei Hattingen. Nachdem Friedrich seinen Großvetter Engelbert I. von Berg, den Erzbischof von Köln, am 7. November 1225 bei Gevelsberg ermorden ließ, wurde über ihn auf dem Reichstag zu Frankfurt die Reichsacht verhängt. Die Burg Nienbrügge wurde noch im gleichen Jahr durch Graf Adolf von der Mark, ein Neffe Arnolds, der sich auf die Seite Kurkölns gestellt hatte, zerstört.

Den Bewohnern der Stadt Nienbrügge bot Adolf einen neuen Siedlungsplatz an der Stelle an, wo der Fluss Ahse in die Lippe mündet. Die Stadt Hamm wurde am Aschermittwoch, den 4. März 1226, gegründet. In den Schriften steht: Das die Lyppe und Aisse tho hoppe kommen, hat Greve Adolf ein Stadt getimmert und bevestiget, genannt Ton hamme, begunnen 1226 up Aschedag.

Die vermuteten Reste der Burg - eine Burggräfte - lassen sich in der Flur Steinwinkel und Flur Borgstätte in Bockum-Hövel besichtigen, während die Stadtanlage südlich der Lippe heute völlig überbaut ist.

Grabungen und Funde

(Text von Georg Eggenstein)

"Entsprechend seiner großen historischen Bedeutung war Nienbrügge für die Altertumsforschung des 19. Jahrhunderts eine der interessantesten Stätten in unserem Raum. Im August und September 1877 ließ der Freiherr von Boeselager im Zuge von wasserbaulichen Maßnahmen direkt am Nordufer der Lippe einen Hügel abtragen, über dessen Dimensionen nur gesagt wird, daß er sich noch zwischen 1 und 2,5 m über die umgebende Weide erhob und offensichtlich bereits von früheren Hochwasserereignissen in Mitleidenschaft gezogen war. Die Arbeiten wurden von Hofrat Moritz Friedrich Essellen begleitet, der darüber in einem zweiteiligen Zeitungsaufsatz ausführlich berichtete.

Nach der Abtragung der Rasendecke kamen Gebäudetrümmer in Form von rußgeschwärzten und hitzegeröteten Grünsandsteinen sowie Stücke von meist verkohlen Holzbalken, aber auch ungebrannte Kalksteine zum Vorschein. Unter dieser Schuttschicht wurde an der durch Erosion angegriffenen Südostseite des Hügels der runde Grundriss eines Turmes von 4 m Durchmessser ausgegraben. Dieser ruhte auf starken, horizontal gelegten, unbehauenen Eichenbalken. Eine einzelne Stufe seiner steinernen Treppe war noch erhalten. Nach Essellen lag unterhalb der Turmkonstruktion eine mit gelöschtem Kalk überschüttete, nicht völlig ebene, gegen 2 1/2 Ruthen lange, 1 1/2 Ruthen breite Fläche (das sind ca. 9,4 x 5,6 m). Die Kalkschicht, 16 bis 20 Centimeter, enthält viele Knochenteile, anscheinend von Thieren geringerer Größe. Sie mögen von Schweinen und Schafen herrühren, wovon auch unter den Trümmern Knochenfragmente angetroffen wurden. Die Kalkschicht bedeckte eine 10 bis 15 Centimeter dicke Lage schwarzgrauer lockerer Erde, unzweifelhaft von vermoderten Thieren herrührend. Darauf erst folgte der an dieser Stelle meist sandige, sich noch im natürlichen Zustande befindende Boden. Das Vorkommen der Kalkschicht und der von vermoderten Thieren herrührenden lockeren Erde darunter ist gewiß in hohem Maße auffallend.

Aus heutiger Sicht lässt sich die Befundlage nicht mehr eindeutig interpretieren. Essellen versucht es mit der Erklärung, dass der Thurm eine so ganz ungewöhnliche Grundlage erhielt, weil man die Kalkschicht nicht durchbrechen zu dürfen glaubte, eine Aussage, die insofern nicht weiter hilft, als gelöschter Kalk bei mittelalterlichen Gebäuden im Mörtel, im Putz oder auch im Estrich Verwendung fand. Womöglich deutet die große Kalkfläche auf einen Bereich hin, in dem Mörtel oder etwas Ähnliches angemischt wurde.

An der Westseite des Hügels lag ein runder Brunnen mit 1,3 m Durchmesser. Er war in Trockenmauer-Technik aus Grünsandsteinen gebaut und teilweise mit Schutt gefüllt. Seine Sohle soll mit 1,5 cm starken Sandsteinplatten bedeckt gewesen sein. An der Ostseite des Hügels fand man einen 1,25 m hohen, gemauerten Kanal, der aber nur teilweise freigelegt wurde, so dass sein Verlauf und seine Länger unbekannt geblieben sind.

Von Essellen gibt die Position des abgetragenen Hügels nicht exakt an. In älteren Karten, etwa in einer Brouillon-Karte der Lippe von Heessen bis Stockum aus dem Jahre 1820, ist aber in dem Bereich der Borgstätte eine Hügelsignatur zu erkennen, die mit einiger Wahrscheinlichkeit mit dem Hügel identisch ist.

Essellen listet im Anschluss daran eine Vielzahl archäologischer Funde auf, die beim Abräumen des Schuttes usw. geborgen werden konnten. Darunter befanden sich ein Bronzeleuchter, Höhe 13 cm, Gewicht 275&nbps;g, mit Grünspan überzogen; ein bronzener Ziernagel, vergoldet, runder Kopf, Druchmesser 3 cm, mit Darstellung eines einköpfigen Adlers mit ausgebreiteten Flügeln, Nagelschaft 2 cm lang, Gewicht 18 g; vier eiserne Schlüsse, zwischen 5 und 12 cm lang, davon mindestens drei Hohldornschlüssel. An Reit- und Pferdezubehör nennt Essellen einen kompletten Stachelsporn, Länge 10 cm, und einen weiteren fragmentierten Sporn, zwei vollständige Hufeisen, von denen eines 12 cm lang war, und Fragmente von weiteren sowie die Hälfte einer Trense mit einem seitlich angebrachten Ring, Länge inklusive Ring 12 cm. Hinzu kommen zwei Pfeilspitzen, Länge 8 cm, davon eine mit pyramidenförmiger und eine wohl mit blattförmiger Spitze, mehrere MEsser, davon eines mit einer 8 cm langen Klinge und einem 7,5 cm langen Griff, und einige bis zu 51 cm lange Eisenteile unbestimmter Funktion. Die Funde an Keramik waren überaus zahlreich. Darunter befanden sich Scherben von hellgrauer bzw. bläulicher, dünnwandiger und hartgebrannter Drehscheibenware. Es gab auch Henkel, Griffe und Aufgußrühren, davon eine in Form eines Tierkopfes. Mehrere Blöcke vulkanischen Gesteins wurden als Architekturteile interpretiert. Besonders interessant ist eine Silbermünze, die nach Essellens Beschreibung mit einiger Wahrscheinlichkeit eine Soester Prägung des Kölner Erzbischofs Adolf von Altena (1193-1205) war.

Moritz Friedrich Essellen nahm das gesamte Fundmaterial aus dem Jahre 1877 zunächst in Besitz. Angeblich verkaufte er es zu Beginn der 1880er Jahre größtenteils nach Berlin. Der kleinere Teil ist in den Besitz des Gustav-Lübcke-Museums gelang, wo man ihn heute in der Stadtgeschichtlichen Ausstellung betrachten kann. Erhalten sind zwei Rinderzähne, ein Unterkieferfragment vom Schwein, ein Knochenstück, ein viereckiges Bronzeblech, Länge 2&nbps;cm, zehn unspezifische Tonscherben, ein halbierter Spinnwirtel mit Drehriefen, ein Kalkstein sowie ein Stückchen Basaltlava, die laut einer alten Inventarkarte unter den Fundamenten des Turmes der Burg Nienbrügge geborgen worden sind. Von dem Turme der Burg Nienbrügge stammt ein größeres Bruchstück aus Basaltlava. Vier Spinnwirtel mit der Ortsangabe im Sand östlich von Nienbrügge könnten zu einer späteren Gelegenheit ebenfalls auf der rechten Lippeseite aufgesammelt worden sein.

Auch im Bereich des Steinwinkels, der sich etwa einhundert Meter stromaufwärts der Borgstätte befindet, sollen nach Angaben L. Hölzermanns Schutt- und Trümmerhaufen gelegen haben. Das westlich an eine Lippeschleife angrenzende Grundstück Steinwinkel ist noch heute von einer breiten, bogenförmigen und grabenartigen Vertiefung umgeben. Ob es sich dabei um eine küstliche Gräfte oder einen verlandeten Altarm der Lippe handelt, lässt sich allein aufgrund der äußeren Betrachtung nicht sicher entscheiden. Hierzu wären weitere archäologische Untersuchungen vonnöten.

Aus diesem Bereich sind lediglich einzelne, bei Begehungen aufgelesene Scherben aus dem 11. bis 14. Jahrhundert bekannt.

Die Brückenanlagen bildeten im Mittelalter offensichtlich ein wesentliches Charakteristikum des Platzes. Von ihnen ist heute aber nichts mehr erhalten. In der Karte aus dem 16. Jahrhunderts ist von etzlichen ser olden mailtheichen die Rede, die bei Niedrigwasser, in kleinem water, zu sehen sind. Gemeint sind Malzeichen, also eindeutige Spuren Nienbrügges. Essellen berichtete 1857 von einem Brückenpfeiler, der bei geringerem Wasserstand aus der Lippe herausragte. Er bestand aus behauenen Sandsteinen und soll eine dreieckige Form mit einer Seitenlänge von ca. 4,5 m gehabt haben. Etwa 40 Meter östliche davon standen in Ufernähe noch einige Stümpfe von eingerahmten Holzpfosten. In seinem Bericht aus dem Jahre 1877 wiederholte Essellen die Angaben, die von übereinstimmenden Aussagen der Autoren Hölzermann, Nordhoff und Wilhelm von der Marck gestützt werden. Danach waren um 1880 am rechten Lippeufer noch Rest zweier Brückenpfeiler aus Gründsandstein vorhanden. Erst im September 1886 ließ der Wasserbauinspektor Röder aus Hamm ein in der Nähe des nördlichen Ufers im Fluss stehendes Pfeilerfundament abtragen.

Auf dem südlichen Flussufer, also gegenüber der Borgstätte, soll nach übereinstimmender Dasrstellung von Essellenes, Hölzermanns, Nordhoffs und von der Marcks ein mehrere Hektar großes Arel mit auffälligen Strukturen gelegen haben. In der ältesten Publikation wird es am deutlichsten beschreiben. Viereckig, elicht erhöhte Teilflächen seien durch Gräben voneinander getrennt gewesen. In einigen Feldern kam unter der Rasendecke Schutt von Mauerwerk zum Vorschein, in anderen dagegen nicht. Nach Süden soll das Arel durch einen Graben eingefasst gewesen sein. Dieser Zustand hätte demnach bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts Bestand gehabt. In den 70er und 80er Jahren des 19. Jahrhunderts, also als die Arbeiten von Hölzermann, Nordhoff und von der Marck erschienen, war er jedoch nur noch in geringen Ansätzen erkennbar. Die Autoren, die das Areal persönlich kannten, haben diese Formationen also nicht mehr selbst gesehen und stützten sich auf ältere Angaben. Aus heutiger Sicht lässt sich dieses Phänomen nicht interpretieren. Auch Eintragungen grabenartiger Strukturen in alten Karten, am deutlichsten in der Bouillon-Karte von 1820, bringen keinen weiteren Aufschluss. Essellen beschreibt Scherbenfunde aus dem gesamten Gelände, die aus heutiger Sicht als hochmittelalterliche Keramik zu interpretieren sind.

In unmittelbarer Nähe, südlich dieses Geländes, befand sich bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts die Krause Linde, ein uralter Lindenbaum, dem man damals eine besondere Bedeutung zugemessen hat. Die Sage erzählt, dass hier der letzte Ritter von der Homburg in Nordherringen seinen Gerichtssitz hatte und auf einem eisernen Stuhl grausam über seine Untertanen urteilte. Eines Tages aber tötete ein Blitzstrahl den Ritter auf seinem Eisenstuhl und warf ihn in die Lippe. Wenn die Sommernächte vom Wetterleuchten erhellt werden, kann man im fahlen Schein der Blitze den Ritter auf dem eisernen Stuhl aus der Lippe emporsteigen sehen. Eine andere Version der Geschichte berichtet davon, dass dem Ritter von der Homburg seine Burg nicht mehr gefallen habe und er daher an der Krausen Linde eine neue errichtet habe. Oft wollen ihn die Bauern gesehen haben, wie er auf dem eisernen Stuhl saß, der hoch über dem Lippefluss an einer Brücke stand.

Von der Krausen Linde existiert ein letztes Foto aus dem August 1922. Auch gibt es eine exakte Katastereinmessung. Ansonsten ist von dem Baum nichts mehr erhalten. Mueseumsdirektor Gustav Lübcke, Hafendirektor Sauter und Stadtgärtner Droste mussten bei einem Ortstermin am 10. März 1922 feststellen, dass die Krone des noch etwa 8 m hohen Baumes durch Blitzschlag zerstört und der hohle Stamm stark angegriffen war. Daher überließ man den alten Baum dem Verfall. Der Museumsverein pflanzte dann am Hafenamt eine neue Linde. Ob die Krause Linde oder auch ihr Standort über die Sagen hinaus eine historisch greifbare Bedeutung hat, ist nicht bekannt, da es keine weiteren Überlieferungen gibt. Allgemein betrachtet spielte die Linde im Volksglauben und Brauchtum früherer Jahrhunderte eine sehr große Rolle im öffentlichen Leben. Sie wurden besonders als Gerichtsstätten genutzt, als sogenannte Gerichtslinden, aber auch als Versammlungsplatz und Schutzbaum (Dorflinde).

Es gibt eine Reihe archäologischer Funde aus der Umgebung der Krausen Linde, die eher zufällig bei Baumaßnahmen und anderen Bodeneingriffen entdeckt wurden. Man achtete augenscheinlich schon Ende des 19. Jahrhunderts auf Fundgegenstände im Bereich des sagenumwobenen Baumes. So liegen von Hobreckers Feld und weiteren, nicht näher spezifizierten Grundstücken an der Krausen Linde drei eiserne Stachelsporen mit gebogenen Bügeln vor. Zwei von ihnen zeichnen sich durch ungewöhnlich verbreiterte Fersenstücke aus. Hinzu kommen fünf Hufeisen, die bis auf eine offenbar nur den vorderen Teil des Hufes schützten, und drei Pfeilspitzen mit pyramidenförmigen Spitzen in unterschiedlicher Ausprägung. Außerdem wurden drei Messer gefunden, von denen eines eine runde Nietlochung aufweist. Ein eiserner Schlüssel mit rautenförmiger Reide zeichnet sich durch seine außerordentliche Länge von 15 cm aus. Keramikfunde waren eher selten oder wurden nicht aufgehoben. Einer der drei Spinnwirtel ist steinzeugartig hart gebrannt. Das Scherbenmaterial setzt sich aus einzelnen Stücken von Pingsdorfer Machart, Fasteinzeug und Siegburger Steinzeug sowie Stück von uneinheitlich gebrannten Kugeltöpfen zusammen.

Insgesamt kommt für fast alle Funde eine Datierung in den Zeithorizont Nienbrügges gegen Ende des 12./Anfang des 13. Jahrhunderts in Frage. Lediglich die einzelne Wandscherbe aus Siegburger Steinzeug muss später in den Boden gekommen sein. Diese Keramik tritt erst ab etwa 1300 auf. Allerdings muss die Zufälligkeit der Zusammensetzung der Fundstücke bei der historischen Bewertung des Fundspektrums Berücksichtigung finden.

Rund 500 m südwestlich der Krausen Linde liegt der Gasthof Drees. Bei Entsandungsarbeiten an dem unmittelbar südlich angrenzenden Gelände sind hier zwischen 1929 und 1941 verschiedene archäologische Fundstellen zutage getreten. Ludwig Bänfer hat diese Funde dokumentiert. Im Sommer 1929 wurden etwa fünfzehn Meter südlich des Hofgrundstücks Drees zwei hölzerne Brunnen erfasst, von denen einer rekonstruiert werden konnte. Nach dem Fundbericht reichte der Brunnen bis in eine Tiefe von 2,5 m. Er hatte eine quadratische Form mit einer lichten Weite von 1,4 m und wies eine aufwändig gezimmerte, kastenartige Konstruktion aus Eichenhölzern auf. Die Basis bildeten fünf parallele Bohlen, die zwei rechtwinklig dazu liegende Bohlen trugen. In die Ecke waren Löcher zur Aufnahme der vier vertikalen Eckpfosten von jeweils 15 cm Länge eingearbeitet. Die Brunnenwandung bestand aus massiven Brettern, die durch entsprechende Aussparungen an den Enden sauber ineinander gefügt waren. Der untere Teil des Brunnens hatte etwa 1 m Höhe und war noch so gut erhalten, dass die Hölzer nach der Bergung wieder zusammengestellt werden konnten. Der Grund war ca. 5 cm hoch mit Tonmergel bedeckt. Die diente vermutlich dazu, für klares Wasser zu sorgen und beim Schöpfen den Sand fern zu halten. Um den Brunnenschacht herum zeigten sich Spuren einer runden Baugrube von etwa 4 m Durchmesser, die nach der Anlage des Brunnens wieder verfüllt worden ist. Über den Aufbau des zweiten Brunnens konnte Bänfer nichts mehr in Erfahrung bringen.

Im Jahre 1939 stieß man etwas weiter südlich beim Sandabbau auf eine mit dunklem Boden verfüllte Grube, die 1,50 m unter die Erdoberfläche reichte. Man fand auch zwei Pfostensetzungen. Im Bereich dieses nicht näher zu interpretierenden Komplexes und in seiner Umgebung fanden sich zahlreiche Scherben mittelalterlicher Keramik. Zumeist handelt es sich um Kugeltöpfe. Zwei Jahre später wurde ein Brunnen entdeckt, dessen Schacht aus einem ausgehöhlten Eichenstamm gebildet wurde. Er reichte ca. 2,25 m unter die Erdoberfläche und war noch bis zu einer Höhe von 0,82 m über der Basis erhalten. Sein Durchmesser, der sich nach oben hin weitete, betrug außen 0,90 m und innen 0,60 m. Der Brunnenrest wurde vollständig ausgegraben.

Das Scherbenmaterial, das im Bereich der beschriebenen Siedlungsspuren oder auch beim Sandabbau ohne konkreten Zusammenhang in der unteren Zone des Mutterbodens gefunden wurde, stammt überwiegend von Kugeltöpfen des 10. oder 11. Jahrhunderts. Ältere und auch jüngere Keramik, Faststeinhzeug des 13. Jahrhunderts und Siegburger Steinzeug des 14. Jahrhunderts findet sich aber ebenfalls in Form einzelner Fragmente. An nichtkeramischen Funden erwähnt Bänfer lediglich drei Rinderknochen aus dem Brunnen von 1929 und ein einzeln gefundenes Stück Eisenschlacke.

Insgesamt gesehen sind die archäologisch greifbaren Spuren von Burg und Stadt Nienbrügge ebenso dürftig wie die historische Quellenlage. Aus dem Bereich am Südufer der Lippe, wo die Stadt Nienbrügge gelegen haben soll, sind lediglich einige Einzelfunde bekannt. Es handelt sich dabei allerdings in erster Linie um Reitersporen, Hufeisen und Waffenteile, die in einfachen bäuerlichen Siedlungen üblicherweise fehlten, in Burgen oder Städten dagegen häufiger vorkommen. Damit können diese Funde mit Nienbrügge in Verbindung stehen.

Dies gilt auch für die Geländemerkmale, die im 19. Jahrhundert hier beobachtet worden sind. Vielleicht handelt es sich um Spuren ehemaliger Bebauung oder um Reste von Befestigungsanlagen, wie sie bei einer Stadtsiedlung üblich waren. Auffällig ist der Umstand, dass sich das fragliche Gebiet südlich der Lippe in der Lippeaue befindet, also in einem hochwassergefährdeten Bereich. Die von Essellen beschriebene Einteilung des Areals in erhöht liegende Felder vermag dies kaum zu relativieren.

Die weiter westlich in der Sandgrube Drees festgestellten Brunnen und Scherben stammen offensichtlich aus einer Zeit etwas vor der Gründung Nienbrügges und können somit nicht Teil der Stadt sein. Sie liegen auf der hochwasserfreien Terrasse und belegen, dass dieser Abschnitt des Lippeufers im frühen und hohen Mittelalter bereits erschlossen und besiedelt war.

Der 1877 abgetragene, auf dem nördlichen Lippeufer gelegene Hügel mit den Überresten eines offenbar durch Feuer zerstörten Turmes und dem Brunnen war sicher Teil der Burg Nienbrügge. Auch das leider so gut wie vollständig verloren gegangene, in den Berichten Essellens aber gut beschriebene Fundmaterial bestätigt diese Annahme. Der gräftenartige Graben im Bereich des Steinwinkels, in dem Steintrümmer beobachtet worden sind, könnte ebenfalls zu Nienbrügge gehören.

Durch den zeitlichen und historischen Kontext ist Nienbrügge auf das engste mit der Burg auf dem Isenberg bei Hattingen verbunden. Beide waren im Besitz des Grafen Friedrich von Altena, der sich seit 1217 Graf von Isenberg nannte. Wie Nienbrügge wurde auch die Isenburg nach der Ermordung des Erzbischofs Engelbert 1225 zerstört. Die Isenburg war eine mit eindrucksvollen Steingebäuden ausgebaute Anlage von 240 m Gesamtlänge. In der Oberburg wurden ein mächtiger Wehrturm, Wirtschaftsgebäude und eine Kapelle freigelegt. Im Palasbereich residierte der Burgherr mit seiner Familie. Die Vorburg war durch einen Torbau gesichert und beherbergte verschiedene Handwerksbetriebe, darunter Anlagen zur Eisenverhüttung und zum Kalkbrennen. 557 m lang war die steinerne Ringmauer, die die Burg befestigte. Die noch erhaltenen Mauerreste zeigen Spuren des gewaltigen Aufwands, den die Eroberer betrieben haben, um die Burg dem Erdboden gleich zu machen.

Im Gustav-Lübcke-Museum werden in Ergänzung der Nienbrügger Funde einige Objekte gezeigt, die bei den Ausgrabungen in der Isenburg seit 1970 entdeckt worden sind. Hinzuweisen ist besonders auf den vergoldeten Ziernagel aus Bronze mit Adlerdarstellung, der in den Beschreibungen Essellens von 1877 eine genaue Parallele findet, sowie auf Architekturteile aus vulkanischem Tuffgestein, die von Essellen ebenfalls erwähnt werden. Aus Basaltlava besteht ein großer Mühlstein von 94 cm Durchmesser; Fragmente aus diesem MAterial sind auch unter den erhaltenen Nienbrügger Funden.

Hofrat Essellen war, wie bereits erwähnt, begeisterter Römerforscher. Eines seiner Hauptinteressen war die Suche nach Aliso, jenem berühmten Römerlager, das gemäß den antiken Autoren nach der Varusschlacht 9 nach Christus als einziges dem germanischen Ansturm widerstehen konnte. Essellen war überzeugt, dass Aliso auf dem Gelände von Nienbrügge zu lokalisieren sei, eine Ansicht, mit der auch andere Forscher, z. B. Wilhelm von der Marck, sympathisierten. Als Beweis wurde eine Verkettung von topographischen Indizien, Interpretationen von Ortsnamen und archäologischen Faktoren aufgestellt, wobei zumindest letztere einer genauen Überprüfung nicht standhalten. So stuften Essellen und von der Marck, teilweise in Anlehnung an den damaligen Forschungsstand, einige der beiderseits der Lippe entdeckten Funde, Hufeisen, Sporen, eiserne Pfeilspitzen, Tonscherben, die ohne Zweifel aus dem Mittelalter stammen, und sogar eine der in der Nähe der Krausen Linde gefundene bronzezeitliche Lanzenspitze als römisch ein. Besonders die Nienbrügger Stücke aus vulkanischem Gestein, das in der Lippegegend nicht natürlich vorkommt und aus dem Rheinland herbeitransportiert worden sein muss, führten sie auf die Römer zurück. Heute ist jedoch klar, dass es in den Römerlagern in Westfalen keine steinernen Gebäude gegeben hat. Durch die entsprechenden Funde von der Isenburg bei Hattingen ist aber die Verwendung ortsfremden, rheinischen Vulkangesteins in der mittelalterlichen Architektur und für Geräte wie Mühlsteine belegt.

Ausgrabungen 2011

Im November 2011 wurde von den Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe eine Grabungskampagnie auf dem vermuteten Gelände der Burg Nienbrügge durchgeführt. Dabei wurden die Fundamente eines Nebengebäudes der Burg entdeckt und zahlreiche Grabungsfunde gesichert. Wichtige Indizien, dass es sich tatsächlich um ein Gebäude der Burganlage handeln muss, sind die gefundenen Gestände, allen voran ein Steigbügel und ein Hufeisen.

Presseberichte

Literatur

  • Georg Eggenstein: II. Bis 1225 - Burg und Stadt Nienbrügge, in: Zeitspuren. Die Anfänge der Stadt Hamm, hrsg. von Georg Eggenstein – Ellen Schwinzer, Bönen 2001, S. 49-59.

Quelle

    Wikipedia de klein.jpg     Quelle für diesen Artikel: de.wikipedia.org
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