Urkunde 1503 Juni 10
Am 10. Juni 1503 nimmt der Notas Hermannus Vendt aus Münster die Klage der Gysle, Witwe van der Sunger, auf, die sie am 8. Juni 1503 angestrengt hatte.

Wortlaut
Die Urkunde ist in frühneuhochdeutscher Sprache verfasst und wird nach Offenburg (S. 161-164) zitiert: [1]
Vor dem Notar Hermannus Vendt in Münster und Zeugen bekundet Gysle, Witwe Lodewyges van der Sunger, dass zu ihr als Besitzerin von Gütern in und bei Ahlen gekommen seien:
Lambert van Oir und Gerdt von Beverforde und makeden er voer, wudanewis dat gudt mit mercklicken schulden und andern spraken solde belastiget, also dat de wedewe en sulx nicht konde verdedingen, sunder moste der halven swerlicke vervolch, banne und ton lesten kummer liden, want dan de solvige wedewe, ein olde, lame, blinde vrouwe wer, eres gesicht over manige jaren berovet, konde se sick van den gude nicht behelpen, dan deiplicken kummer liden moste, stonde ock to befruchten, se des gudz in lanckheit dorch inrichtonge und penden afstaen und verlustig werden moste. Mit widern, als de wedewe sachte, bedreechlicken reden leiten ock dan entendes der wedewen seggen, mit begeren und sachten er ok gelofflicken to, as de wedewe dar ock sachte, wolde de wedewe der beiden vorbenompten sodanige erfnisse belegen, wo vorst. tor erftal und ewich verkopen, wolden de solven de wedewe wederumme mit sodaniger dreplicker tucht versorgen, se ginen kummer hedde, als bi namen jarlinges mit XX gold. rinschen gulden, XXX voder hol, IV molt roggen, IV molt gersten, II molt weites, VI mudde grawer erwete, VI mudde witter erwete, II mudde rovesades, II mudde liens to seigene, allet aelscher mathe, II tunnen holtz, VII vette swine, et weren ecken ofte gin, ein deel vetter schape, VI par hoender, en deel vetter koy, VI par gense, alle jaer einen tabbert und einen rock van guden Amsterdamschen wande, und einen guden winckop und einen tabbert und rock van wande as vorscreven und er sodanige getucht, wo vorscreven ut eren erve und guden mit guden warborgen in segelen und breven, alse vorwisen, dat se wall bewart were, und hadde dar de solvige in guden geloven dar hen brengen laten, dat se twe, as Heidenrick van der Wyck und Berndt Kerckerinck, borgers to Münster, der se doch nicht en kande, de ock eres gudz und gestalt nicht en wusten, vor mumber gekoren hadde, und dorch de solve dat guet er angestorven als vorgerort, den twen, Lambert und Gerdt vorscreven verkofft hadde. In sulcker mathe und wise, dat de beiden kopers de solven wedewen solden und wolden in segelen und breven besorgen, dat se der vorbenompten tucht jarlig to boren sicker were, und er dar to twe hundert gulden gegeven worden. Als dan de verkoop, als vorscreven is, scheit was, heft Lambert van Oir de wedewe upgenomen und als de solve meinde, na Munster to varen, waert se wedder eren willen to Werges ut bevelle Lamberts vor screven gevoirt, dar Gert vorscreven wont, und ein titlanck also dar geholden und wedder umme van daer genomen up de voer, so se mende na Munster to varen, wedder to Kakesbecke, dar Lambert wont, gebracht, aldaer up eine berchseide elendige tegen even willen umtrent negen jare gesetten, und de wile se dar seten, hadde sick Lambert benalet buten eren wetten und willen sodanige tuchtbref as vorscreven de solve wedewe schicte in bewaringe und truwer handt Godertz Bispinck to Munster under den bogen wonaftig, de dorch den handel ock also bister geworden und verlüstich, dar Lambert nicht uprecht, als se beclagede, mede umme gegaen hadde, hadde ock van der tucht nicht mer dan eins dritthalf molt roggen, I mudde erwete, I mudde bonen, eine tunne soltes, VII mudde gerste, eine halve tunne botter und III tabberte entfangen, und wart dan de solve wedewe, als se sick beclagede, als umbtrent IX jaer tegen eren willen so elendige gesetten hadde, er segele und breve also affhendich und verlustich geworden und ton latesten dorch groet jammer, karmen und flage verlast van Lambert vorscreven und up ere vrie voie gekomen und er Lambert van Oir einen andern tuchtzbref gedaen hadde als vorscreven, dar boven de helfte in afgebrocken was tot eren groten schaden, jamer und kummer, want dan de wedewe vorscreven overlachte, dat se as ein arm blint wif, eres gesichtes berovet, van Lamberte und Gerde vorscreven so elendige mit groter schendicheit bedrogen und belet was in den kope all vele boven de helfte und also wo vorgescreven ere segele und breve vorbistens und afhendich geworden, er ock nicht geholden wer na hogen geloften Lambert und Gerdz oer gelovet haden und de solve wedewe sodanigen verkoep gedaen hadde, als se sachte, aene verlof und sunder echte noit; betrachtede ock dorch solcken handel ere rechten erven sunder verdenst ofte verschulden aen orsake, mit godde se nichte enterven; hir ümme heft de solve wedewe in den gerichte to Dortmunde alse enkande dorch eren mumber und solfs personelicken ock vor mi, Notario hir nabescreven in der besten wise, formen nnd maneer, so bestentlickest und bundiges mochte ganz und geheil wedderropen, wedderachtet sodanigen koep, as Lambert und Gerdt vorscreven des upgestemenden gudz halven mit der upgemelten wedewen gehandelt und gedaen hadde, in watterleie maneven, wise, formen und vor watterleie gerichte de ock gescheit weren, makede den machtlos crachtlos und unbundich nu vort an to allen tiden, ut oirsacken, bedroch, mishandelinge und undanckberheit, wo vorscreven betouwende godt und dem rechte sulx wall doen mochte, wante dan se mit screinden ogen godt almechtich und allen vromen luden clagede, se so jemerlicke bedrogen und ers gudz verbistert und so lange gefencklicker wise van Lambert vorscreven geholden worden und wat segele und breve Lambert heben mochte sint dem jaere dusent veirhundert vif und negentich gegeven, dar se wes in overgegeven of bewilliget solde heben, were dan snoitlick van Lambert geworven und van oer mit behendicheit gekreden, dewile se noch in Lambertz vorscreven macht, hachten und handen geholden wort, konde ock ut sinen handen nicht verlost werden, se moste belien, seggen und doen, wat men er vorsachte, so se als ein arme, blinde elendige vrouwe der lude gin sunderling kunschap en hadde. Sachte ock, dat Heidenrick van der Wyck und Bernd Kerkerinck weren er de wilden vroemden und to giner tide ers gudz kenninge, handel of wandel gehat haden, wedderreip ock de solven als ere vermeten mumbers, daer se doch nuverlde mit rechte to gesatt weren. Batt dar umme de solve wedewe van mi, ick oer und oeren erven ein of mer apenbar Instrumenten in der besten formen na rade der wisen maken wolde. Dit allet geschein to Dortmunde vor der solven wedewen hues im sticht van Collen im jaer, maent, indictien dage und pavesdom, als boven gescr. in biwesen Tydeman Wickeden, richter, Jurgen Koster, frigreve, Thonies van Schedingen, Johan Scryver, borgere to Dortmunde, tugen to dussen vorbenompten puncten to seen und to horen geropen und gebeden.
Übersetzung
Übertragen ins Hochdeutsche lautet der Urkundentext wie folgt:
Lambert van Oir und Gerdt von Beverforde behaupteten und machten geltend, dass das Gut mit beträchtlichen Schulden und anderen Ansprüchen belastet sei, sodass die Witwe dies nicht verteidigen könne, sondern deswegen schweren Prozess, Bann und letztlich Pfändung (Kummer) erleiden müsse. Da nun die besagte Witwe eine alte, lahme und blinde Frau war, die ihres Augenlichts seit vielen Jahren beraubt war, konnte sie sich hinsichtlich des Gutes nicht selbst helfen und musste tiefes Elend erleiden. Es stand zudem zu befürchten, dass sie das Gut auf Dauer durch Einmischung und Pfändungen verlieren und abtreten müsse. Mit weiteren, wie die Witwe sagte, betrügerischen Reden bedrängten sie die Witwe und gaben ihr zudem das glaubhafte Versprechen: Wenn die Witwe den beiden Vorgenannten das besagte Erbe übertragen würde – so wie oben als Erbkauf und ewiger Verkauf festgeschrieben –, wollten diese die Witwe wiederum mit einer solch trefflichen Versorgung (Tucht) absichern, dass sie keine Not mehr litte. Namentlich versprachen sie:
Jährlich 20 goldene Rheinische Gulden
30 Fuder Holz
4 Molt Roggen,
4 Molt Gerste,
2 Molt Weizen
6 Mudde graue Erbsen,
6 Mudde weiße Erbsen
2 Mudde Rübsaat,
2 Mudde Leinsamen zum Säen (alles nach Ahler Maß)
2 Tonnen Salz
7 fette Schweine (egal ob Eichelngemästet oder nicht)
einen Teil fetter Schafe,
6 Paar Hühner,
einen Teil fetter Kühe,
6 Paar Gänse
jedes Jahr einen Tappert (Überrock) und einen Rock aus gutem Amsterdamer Tuch
Zudem ein gutes Handgeld (Winckop) sowie Tappert und Rock wie oben beschrieben.
Diese Versorgung sollte aus ihrem Erbe und ihren Gütern mit guten Bürgen in Siegeln und Briefen so abgesichert werden, dass sie wohlbewahrt sei. In gutem Glauben hatte sie sich darauf eingelassen, dass zwei Männer – Heidenrick van der Wyck und Berndt Kerckerinck, Bürger zu Münster, die sie jedoch gar nicht kannte und die auch nichts über ihr Gut und ihren Zustand wussten – als Vormünder (Mumber) gewählt wurden. Durch diese ließ sie das ihr rechtmäßig zugefallene Gut an die beiden vorgenannten Lambert und Gerdt verkaufen. Dies geschah unter der Bedingung, dass die beiden Käufer der Witwe in Siegeln und Briefen zusichern sollten, dass sie die vorgenannte Versorgung jährlich sicher erhalten würde; zudem sollten ihr zweihundert Gulden gegeben werden.
Als der Verkauf so vollzogen war, nahm Lambert van Oir die Witwe auf. Während sie meinte, nach Münster zu fahren, wurde sie gegen ihren Willen auf Befehl Lamberts nach Werges (Werdiges) gebracht, wo Gerdt wohnte. Dort wurde sie eine Zeit lang festgehalten und von dort wieder auf den Wagen genommen. Erneut meinte sie, nach Münster zu fahren, wurde aber nach Kakesbeck gebracht, wo Lambert wohnt. Dort saß sie auf einer Bergseite elendig und gegen ihren Willen etwa neun Jahre lang fest. Während sie dort saß, hatte Lambert sich ohne ihr Wissen und gegen ihren Willen den besagten Versorgungsbrief angeeignet. Die Witwe hatte diesen eigentlich Godert Bispinck in Münster (wohnhaft unter den Bögen) zur treuen Verwahrung übergeben; dieser war jedoch durch die Machenschaften ebenfalls verwirrt und geschädigt worden. Lambert war damit nicht rechtschaffen umgegangen. Auch hatte sie von der versprochenen Versorgung nicht mehr erhalten als: 2,5 Molt Roggen, 1 Mudde Erbsen, 1 Mudde Bohnen, 1 Tonne Salz, 7 Mudde Gerste, eine halbe Tonne Butter und 3 Tappert.
Die Witwe beklagte sich, dass sie etwa neun Jahre gegen ihren Willen so elend festgesetzt war, ihrer Siegel und Briefe beraubt wurde und schließlich durch großes Jammern, Klagen und Drängen von Lambert freigelassen wurde. Lambert van Oir hatte ihr daraufhin einen anderen Versorgungsbrief ausgestellt, in dem jedoch mehr als die Hälfte der Leistungen gestrichen war – zu ihrem großen Schaden und Kummer. Die Witwe bedachte nun, dass sie als arme blinde Frau von Lambert und Gerdt so elend und schändlich betrogen worden war, da der Kaufpreis weit mehr als die Hälfte unter dem Wert lag und ihre Siegel und Briefe entfremdet worden waren. Auch wurden die hohen Versprechen, die Lambert und Gerdt gegeben hatten, nicht eingehalten. Sie erklärte, den Verkauf ohne Erlaubnis und ohne echte Not getätigt zu haben. Sie bedachte auch ihre rechtmäßigen Erben, die sie ohne deren Verschulden nicht enterben wolle.
Deshalb hat die besagte Witwe vor dem Gericht zu Dortmund, vertreten durch ihren Vormund und auch persönlich vor mir, dem unten beschriebenen Notar, in der bestmöglichen Form und Weise diesen Kauf vollständig widerrufen. Sie erklärt den Handel, den Lambert und Gerdt bezüglich der genannten Güter mit ihr getrieben haben – in welcher Form und vor welchem Gericht auch immer dies geschah – für kraftlos, machtlos und ungültig für alle Zeiten. Dies geschieht aufgrund von Betrug, Misshandlung und Undankbarkeit, wie sie es vor Gott und dem Recht bezeugen kann.
Mit weinenden Augen klagte sie Gott dem Allmächtigen und allen frommen Leuten, dass sie so jämmerlich betrogen, um ihr Gut gebracht und so lange von Lambert gefangen gehalten worden war. Alle Siegel und Briefe, die Lambert seit dem Jahr 1495 von ihr erhalten habe, seien ihr arglistig abgewonnen worden, während sie noch in Lamberts Gewalt und Händen war. Sie konnte sich nicht aus seinen Händen befreien und musste alles gestehen, sagen und tun, was man ihr vorgab, da sie als arme, blinde, elendige Frau keine Kenntnis von den Leuten hatte.
Sie sagte auch, dass Heidenrick van der Wyck und Bernd Kerkerinck ihr völlig fremd waren und zu keiner Zeit Kenntnis von ihrem Gut oder ihren Angelegenheiten hatten. Sie widerrief diese als ihre angeblichen Vormünder, da sie niemals rechtmäßig dazu bestellt worden waren. Darum bat die Witwe mich (den Notar), ihr und ihren Erben ein oder mehrere öffentliche Instrumente (Urkunden) in der besten Form nach dem Rat der Weisen anzufertigen.
Dies alles geschah zu Dortmund vor dem Haus der Witwe im Stift Köln, im Jahr, Monat, Tag und Pontifikat wie oben geschrieben, in Anwesenheit von:
Tydeman Wickeden, Richter
Jurgen Koster, Freigraf
Thonies van Schedingen
Johan Scryver, Bürger zu Dortmund
als Zeugen zu den oben genannten Punkten gerufen und gebeten.
Literatur
- Offenburg, Heinrich: Das Halsband Lamberts von Oer. Nach gedruckten Akten. In: Westfälische Zeitschrift – Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Altertumskunde. Bd. 55. 1897. S. 136-193
- Werland, Peter: Der Ritter mit dem eisernen Halsband. In: Westfälischer Heimatkalender 1951. Münsterland. Münster 1950. S. 140-142
- ↑ Offenburg, Heinrich: Das Halsband Lamberts von Oer. Nach gedruckten Akten. In: Westfälische Zeitschrift – Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Altertumskunde. Bd. 55. 1897. S. 136-193