Totschlag an Hannah S.: Unterschied zwischen den Versionen
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Das Opfer, Hannah S. (25),<ref>[https://www.bild.de/regional/ruhrgebiet/ruhrgebiet-aktuell/prozess-nach-mord-in-hamm-unheimliches-brief-gestaendnis-von-hannahs-killer-79565794.bild.html ''Ich habe meiner Sexsucht nachgegeben'']. In: bild.de vom 26. März 2022.</ref> hatte mit Freunden bis in den frühen Morgen des 19. September 2021 auf der [[Südstraße]] („Meile“) in der Diskothek [[Saloon Cheyenne]]<ref>Martin von Braunschweig: [https://www.wa.de/hamm/hamm-mitte-ort370531/mord-im-olg-park-in-hamm-angeklagter-schweigt-zum-prozessauftakt-91411983.html ''Mord im OLG-Park: Angeklagter schweigt zum Prozessauftakt'']. In: wa.de vom 15. März 2022.</ref> gefeiert. Nur wenige Minuten, nachdem Sie mit einer Freundin den Nachhauseweg angetreten und sich von dieser nahe des [[Bärenbrunnen]]s verabschiedet hatte, muss sie gegen 6 Uhr nahe des [[Otto-Krafft-Platz]]es auf den Täter getroffen sein.<ref>Frank Lahme: [https://www.wa.de/hamm/mord-hamm-leiche-olg-park-taeter-gefasst-polizei-messer-toetung-90997974.html ''Mord am OLG offenbar aufgeklärt: 27-Jähriger erneut festgenommen'']. In: wa.de vom 24. September 2021.</ref> Möglicherweise hatte dieser ihr hinter einem der großen Wahlplakate für die damals bevorstehende [[Bundestagswahlen in Hamm|Bundestagswahl]] aufgelauert.<ref name="wade241017"/> | Das Opfer, Hannah S. (25),<ref>[https://www.bild.de/regional/ruhrgebiet/ruhrgebiet-aktuell/prozess-nach-mord-in-hamm-unheimliches-brief-gestaendnis-von-hannahs-killer-79565794.bild.html ''Ich habe meiner Sexsucht nachgegeben'']. In: bild.de vom 26. März 2022.</ref> hatte mit Freunden bis in den frühen Morgen des 19. September 2021 auf der [[Südstraße]] („Meile“) in der Diskothek [[Saloon Cheyenne]]<ref>Martin von Braunschweig: [https://www.wa.de/hamm/hamm-mitte-ort370531/mord-im-olg-park-in-hamm-angeklagter-schweigt-zum-prozessauftakt-91411983.html ''Mord im OLG-Park: Angeklagter schweigt zum Prozessauftakt'']. In: wa.de vom 15. März 2022.</ref> gefeiert. Nur wenige Minuten, nachdem Sie mit einer Freundin den Nachhauseweg angetreten und sich von dieser nahe des [[Bärenbrunnen]]s verabschiedet hatte, muss sie gegen 6 Uhr nahe des [[Otto-Krafft-Platz]]es auf den Täter getroffen sein.<ref>Frank Lahme: [https://www.wa.de/hamm/mord-hamm-leiche-olg-park-taeter-gefasst-polizei-messer-toetung-90997974.html ''Mord am OLG offenbar aufgeklärt: 27-Jähriger erneut festgenommen'']. In: wa.de vom 24. September 2021.</ref> Möglicherweise hatte dieser ihr hinter einem der großen Wahlplakate für die damals bevorstehende [[Bundestagswahlen in Hamm|Bundestagswahl]] aufgelauert.<ref name="wade241017"/> | ||
Ihr Leichnam wurde bereits gegen 6:45 Uhr von Passanten entdeckt. Die junge Frau war nur noch mit ihrem Oberteil bekleidet. Nach Annahme der Staatsanwaltschaft soll der Täter sie zur sexuellen Befriedigung entkleidet und Fotos angefertigt haben.<ref name="wade-22-06-29"/> Im späteren Strafprozess wurde schließlich klargestellt, dass der Fundort der Leiche nicht der Tatort war. Der direkte Nachhauseweg wäre für Hannah S. über den OLG-Park mit einem erheblichen Umweg verbunden gewesen. Des Weiteren wurden Schleifspuren festgestellt, die belegen, dass die Leiche nachträglich zum Teich gezogen wurde. | [[Datei:Ostring (Hamm) Park.JPG|mini|rechts|alternativtext=Bärenbrunnen|Bärenbrunnen]] | ||
Ihr Leichnam wurde bereits gegen 6:45 Uhr von Passanten entdeckt. Die junge Frau war nur noch mit ihrem Oberteil bekleidet. Nach Annahme der Staatsanwaltschaft soll der Täter sie zur sexuellen Befriedigung entkleidet und Fotos angefertigt haben.<ref name="wade-22-06-29"/> Im späteren Strafprozess wurde schließlich klargestellt, dass der Fundort der Leiche nicht der Tatort war. Der direkte Nachhauseweg wäre für Hannah S. über den OLG-Park mit einem erheblichen Umweg verbunden gewesen. Des Weiteren wurden Schleifspuren festgestellt, die belegen, dass die Leiche nachträglich zum Teich gezogen wurde. Laut dem Rechtsanwalt der Familie S., der in der zweiten Hauptverhandlung die Nebenklage für die Angehörigen vertrat, wies Hannah S. mehr als zehn Stichverletzungen durch ein Messer auf. | |||
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Die Plädoyers wurden am 29. April gehalten. Staatsanwalt Felix Giesenregen plädierte erneut auf Mord („Was soll das denn anderes sein?“), Verteidiger Dennis Kocker hingegen forderte die Verurteilung wegen Totschlags, da es Zweifel am strafschärfenden Mordmerkmal gebe. Einig waren sich die Prozessbeteiligten darin, dass der Angeklagte, Simon S., vermindert steuerungsfähig sei. Wie schon in der ersten Verhandlung machte dieser bis zum Schluss von seinem Schweigerecht Gebrauch: „Ich möchte nichts dazu sagen“.<ref>[https://www.wa.de/hamm/mord-totschlag-prozess-olg-park-hamm-toetung-junge-frau-motiv-angeklagter-93041765.html ''Mord oder Totschlag? Junge Frau im OLG-Park getötet - es geht ums Motiv'']. In: wa.de vom 29. April 2024.</ref> | Die Plädoyers wurden am 29. April gehalten. Staatsanwalt Felix Giesenregen plädierte erneut auf Mord („Was soll das denn anderes sein?“), Verteidiger Dennis Kocker hingegen forderte die Verurteilung wegen Totschlags, da es Zweifel am strafschärfenden Mordmerkmal gebe. Einig waren sich die Prozessbeteiligten darin, dass der Angeklagte, Simon S., vermindert steuerungsfähig sei. Wie schon in der ersten Verhandlung machte dieser bis zum Schluss von seinem Schweigerecht Gebrauch: „Ich möchte nichts dazu sagen“.<ref>[https://www.wa.de/hamm/mord-totschlag-prozess-olg-park-hamm-toetung-junge-frau-motiv-angeklagter-93041765.html ''Mord oder Totschlag? Junge Frau im OLG-Park getötet - es geht ums Motiv'']. In: wa.de vom 29. April 2024.</ref> | ||
Das Urteil fiel am [[ | Das Urteil fiel am [[2. Mai]]. Die Kammer kam zu dem Schluss, dass das im ersten Prozess zur Begründung herangezogene Mordmerkmal einer „Befriedigung des Geschlechtstriebs“ nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden könne. Sie verurteilte den Täter daher stattdessen wegen Totschlags zu neun Jahren und acht Monaten Haft, hielt jedoch seine Unterbringung in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik aufrecht. Richterin Rachel Wessel wurde mit den Worten zitiert: „Der hat keinen Kalender, an dem er die Tage bis zu seiner Entlassung abzählen kann“. Gegen das Urteil kündigte der Staatsanwalt umgehend den Gang in die Revision an. Bei den Angehörigen löste die Verkündung Entsetzen aus.<ref>Martin von Braunschweig: [https://www.wa.de/nordrhein-westfalen/neues-urteil-im-fall-hannah-kein-mord-sondern-nur-totschlag-93049584.html ''Neues Urteil im Fall Hannah: kein Mord, sondern „nur“ noch Totschlag'']. In: wa.de vom 3. Mai 2024.</ref> | ||
=== 2. Revision === | === 2. Revision === | ||
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Nach Aussagen der Familie wurde die Gedenkstätte um den Geburtstag der Verstorbenen im Jahr 2023 von Unbekannten geplündert. Die von der Familie dort platzierten Devotionalien seien verschwunden, darunter ein Kreuz mit Namen aus Plexiglas, eine Tulpe aus Metall und Holz sowie ein Panda.<ref>Frank Lahme: [https://www.wa.de/hamm/gepluenderte-gedenkstelle-das-traurige-treiben-von-vandalen-am-olg-teich-92354586.html ''Geplünderte Gedenkstelle: Das traurige Treiben von Vandalen am OLG-Teich'']. In: wa.de vom 21. Juni 2023.</ref> | Nach Aussagen der Familie wurde die Gedenkstätte um den Geburtstag der Verstorbenen im Jahr 2023 von Unbekannten geplündert. Die von der Familie dort platzierten Devotionalien seien verschwunden, darunter ein Kreuz mit Namen aus Plexiglas, eine Tulpe aus Metall und Holz sowie ein Panda.<ref>Frank Lahme: [https://www.wa.de/hamm/gepluenderte-gedenkstelle-das-traurige-treiben-von-vandalen-am-olg-teich-92354586.html ''Geplünderte Gedenkstelle: Das traurige Treiben von Vandalen am OLG-Teich'']. In: wa.de vom 21. Juni 2023.</ref> | ||
Bereits ihrer Traueranzeige erhob die Familie den Vorwurf, dass „Behörden, Institutionen und selbst die Gastronomie“ versagt hätten. | Bereits in ihrer Traueranzeige erhob die Familie den Vorwurf, dass „Behörden, Institutionen und selbst die Gastronomie“ versagt hätten. | ||
Die Familie erinnert auch weiterhin jährlich mit einer Anzeige im Westfälischen Anzeiger an Hannah. | |||
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Datei:Traueranzeige zu Hannah - Mordfall am OLG.png|Traueranzeige der Familie (2021) | Datei:Traueranzeige zu Hannah - Mordfall am OLG.png|Traueranzeige der Familie (2021) | ||
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Zudem beklagten die Angehörigen mangelnde Kommunikation der Mordkommission. Ein Ermittler habe zugesagt, sich bei ihnen zu melden, dies jedoch unterlassen. Informationen zum Fall seien jedoch vorzeitig an die Presse sowie an den Arbeitgeber von Hannah S. weitergegeben worden. Konkret habe eine Ermittlerin Hannahs Tod bereits am Tattag einem Bekannten mitgeteilt, der im selben Betrieb wie das Opfer arbeitete. Eine Rundmail an die Belegschaft sei die Folge gewesen, woraufhin die Nachricht in sozialen Medien Verbreitung fand. „Alle, jeder in der Stadt, wusste da schon, dass es Hannah war“, so die Mutter.<ref name="wasystem25"/> | Zudem beklagten die Angehörigen mangelnde Kommunikation der Mordkommission. Ein Ermittler habe zugesagt, sich bei ihnen zu melden, dies jedoch unterlassen. Informationen zum Fall seien jedoch vorzeitig an die Presse sowie an den Arbeitgeber von Hannah S. weitergegeben worden. Konkret habe eine Ermittlerin Hannahs Tod bereits am Tattag einem Bekannten mitgeteilt, der im selben Betrieb wie das Opfer arbeitete. Eine Rundmail an die Belegschaft sei die Folge gewesen, woraufhin die Nachricht in sozialen Medien Verbreitung fand. „Alle, jeder in der Stadt, wusste da schon, dass es Hannah war“, so die Mutter.<ref name="wasystem25"/> | ||
Die Indiskretion der Beamtin führte zu einer Dienstaufsichtsbeschwerde. [[ | Die Indiskretion der Beamtin führte zu einer Dienstaufsichtsbeschwerde. Polizeipräsident [[Thomas Kubera]], erst seit dem [[1. Oktober]] [[2021]] im Amt, suchte das Ehepaar persönlich auf, um sich für den Vorfall zu entschuldigen. Die Eltern würdigten diese Geste, betonten jedoch, dass das Geschehene dadurch nicht rückgängig zu machen sei.<ref name="wasystem25"/> | ||
Auch die Ermittlungsarbeit selbst wurde kritisiert. Erst die Vermieterin des Täters soll nach Darstellung in der Reportage die Ermittlungen nach der ersten Festnahme und der anschließenden Freilassung von Simon S. wieder ins Rollen gebracht haben. Am Telefon hätte die Vermieterin sinngemäß mit den Worten „Ihr wisst doch wohl, dass der ein vorbestrafter Sexualtäter ist …“ den notwendigen Hinweis gegeben.<ref name="wasystem25"/> | Auch die Ermittlungsarbeit selbst wurde kritisiert. Erst die Vermieterin des Täters soll nach Darstellung in der Reportage die Ermittlungen nach der ersten Festnahme und der anschließenden Freilassung von Simon S. wieder ins Rollen gebracht haben. Am Telefon hätte die Vermieterin sinngemäß mit den Worten „Ihr wisst doch wohl, dass der ein vorbestrafter Sexualtäter ist …“ den notwendigen Hinweis gegeben.<ref name="wasystem25"/> | ||
Die Angehörigen beklagten außerdem eigenmächtige Schritte der Hammer Öffentlichkeit. Ein „Crowdfunding“ für die Beerdigungskosten, das ein ehemaliger Schulkamerad initiiert hatte, wurde als übergriffig empfunden. Rund 3.000 € der 11.000 € | Die Angehörigen beklagten außerdem eigenmächtige Schritte der Hammer Öffentlichkeit. Ein „Crowdfunding“ für die Beerdigungskosten, das ein ehemaliger Schulkamerad initiiert hatte, wurde als übergriffig empfunden. Rund 3.000 € der Spendensumme von 11.000 € habe die Crowdfunding-Plattform als Provision einbehalten. Der überwiesene Betrag wurde nicht für die Beerdigung verwendet, sondern dem ''Weißen Ring'' gespendet. Der habe sich jedoch nie bei ihnen bedankt.<ref name="wasystem25"/> | ||
Auch sei die Atmosphäre in den Gerichtsverfahren, in dem die Eltern als Nebenkläger auftraten, als unmenschlich empfunden worden. Nach ihrer Einschätzung priorisiere das System den Schutz des Täters gegenüber der Unterstützung der Hinterbliebenen: „Es geht in diesem System nicht um Recht und Schuld. Es geht nur darum, wer sich am besten verkaufen kann.“ Durch die lange Verfahrensdauer konnten sich zahlreiche Zeugen, darunter auch Polizisten, offenbar in der Revision nicht mehr an Details erinnern.<ref name="wasystem25"/> | Auch sei die Atmosphäre in den Gerichtsverfahren, in dem die Eltern als Nebenkläger auftraten, als unmenschlich empfunden worden. Nach ihrer Einschätzung priorisiere das System den Schutz des Täters gegenüber der Unterstützung der Hinterbliebenen: „Es geht in diesem System nicht um Recht und Schuld. Es geht nur darum, wer sich am besten verkaufen kann.“ Durch die lange Verfahrensdauer konnten sich zahlreiche Zeugen, darunter auch Polizisten, offenbar in der Revision nicht mehr an Details erinnern.<ref name="wasystem25"/> | ||
Auch das Urteil wurde als zu mild wahrgenommen. Der Täter sei therapieerfahren und könne mit einer vorzeitigen Entlassung aus der unbefristeten Unterbringung in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik rechnen: „[...] Er weiß genau, was er anstellen muss, um Ärzte und Pflegekräfte auf seine Seite zu ziehen“.<ref name="wasystem25"/> | Auch das Urteil wurde als zu mild wahrgenommen. Der Täter sei therapieerfahren und könne mit einer vorzeitigen Entlassung aus der unbefristeten Unterbringung in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik rechnen: „[...] Er weiß genau, was er anstellen muss, um Ärzte und Pflegekräfte auf seine Seite zu ziehen“.<ref name="wasystem25"/> | ||
== Sonstiges == | |||
* Am 2. Oktober 2021 fand zum Gedenken an Hannah S. ein Schweigemarsch statt, an dem rund 400 Menschen teilnahmen.<ref>Markus Hanneken und Daniel Schinzig: [https://www.wa.de/hamm/hamm-mitte-ort370531/junge-frau-in-hamm-ermordet-viele-teilnehmer-bei-mahnwache-und-schweigemarsch-zum-olg-91028512.html ''Schweigemarsch von der Südstraße bis zum OLG-Park für getötete Hammerin'']. In: wa.de vom 3. Oktober 2021.</ref> | |||
* Simon S. bleibt so lange in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung untergebracht, bis zwei unabhängige Gutachter zu dem Ergebnis kommen, dass von ihm keine Gefahr mehr für die Allgemeinheit ausgeht. | |||
== Literatur == | == Literatur == | ||